Drucken

Vorbereitung: „Für jeden Mitarbeiter braucht es eine Strategie“

Axel Wertz kennt sich mit dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement aus

Axel Wertz, Geschäftsführer TSV Bayer Dormagen Gesundheits GmbH und Mitglied des IHK-Ausschusses für Gesundheitswirtschaft.

Axel Wertz ist Geschäftsführer der TSV Bayer Dormagen Gesundheits GmbH und Dozent an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf. In diversen Unternehmen hat er bereits ein Betriebliches Gesundheitsmanagement etabliert. Im Interview spricht er über individuelle Konzepte und Finanzierungen.

Herr Wertz, gerade in kleineren Unternehmen fürchtet man sich häufig vor den hohen Kosten, die das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) mit sich bringt. Ist diese Angst berechtigt?

Axel Wertz: Erwiesenermaßen überwiegt der zu erwartende Nutzen die Kosten. Ausgehend von der Annahme, dass 80 Prozent der notwendigen Ressourcen für die Einführung eines BGM bereits in Unternehmen vorhanden sind, muss BGM nicht teuer sein. Vielmehr ist es von Bedeutung, einen strategischen Managementansatz zu finden, der sich an vorhandene Prozesse anlehnt und zum Unternehmen passt. Sicherlich kommen auf Unternehmer Kosten für Beratung, Analyse oder Maßnahmen der Gesundheitsförderung zu. Große Unternehmen können auf viel Know-how zurückgreifen, das schon im Haus vorhanden ist. Dazu gehören ein Betriebsarzt oder jemand, der für die Arbeitssicherheit zuständig ist. Kleine Unternehmen müssen dieses Wissen extern hinzukaufen. Aber da gibt es diverse Möglichkeiten fachlicher wie finanzieller Unterstützung. Vielmehr ist es aber Abwägungssache eines jeden Unternehmers, welche Prioritäten gesetzt werden. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt spitzt sich aufgrund des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels immer weiter zu. Da ist die Investition in ein durchdachtes BGM langfristig eine Investition in das Unternehmen. Zumal man mittlerweile das Angebot als Rekrutierungstool nicht unterschätzen darf.

Kann man das auch in Zahlen ausdrücken?

Wertz: Wissenschaftlich betrachtet, ist branchenübergreifend mit einem Return on Investment von eins zu 2,50 Euro zu rechnen. Investitionen zum Erhalt der Arbeitsbewältigungsfähigkeit müssen nicht teuer sein. Mittels Beteiligung der Beschäftigten lassen sich oft durch kleine Veränderungen große Entlastungspotenziale erzielen. Überschlägig kann man sagen, dass ein Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern mit einer Anfangsinvestition von 5.000 Euro gut über das erste Jahr kommt.

Mit BGM gegen Fachkräftemangel – wie sehen Sie die Eignung als Rekrutierungstool?

Wertz: BGM im Unternehmen zu haben, spielt bei Einstellungen – gerade für jüngere Menschen – eine immer größere Rolle. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Bewerber gut über gesundheitliche Risiken informiert sind und vielfach nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dem Klima im Büro, der Psychohygiene, Weiterbildungsangeboten oder alternativen Beschäftigungsmodellen fragen.

Halten sich nicht insbesondere junge Menschen eher für unverwundbar und verschwenden an Rückenkurse und Co. weniger Gedanken?

Wertz: Das mag sein. Doch da ist das Unternehmen gefragt. Ziel eines umfassenden BGM ist es, den Mitarbeiter vom Einstieg in den Beruf über Azubi- oder Anlernprogramme und spezifische Präventionsstrategien, die die Arbeitsfähigkeit stützen, bis zur Rente gesund zu halten. Das betrifft die körperliche ebenso wie die psychische Gesundheit. Ein Beispiel: Ein 20-Jähriger, der in einer Autowerkstatt Reifen wechselt, hat in jungen Jahren in der Regel noch keine Rückenbeschwerden. Wenn er aber in dieser Zeit schon darin geschult wird, Hilfsmittel einzusetzen, und angelernt wird, ergonomisch zu arbeiten, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass er später gar nicht erst Ausfalltage aufgrund eines Rückenleidens hat.

Wie sieht für Sie ein umfassendes BGM aus?

Wertz: BGM ist immer langfristig, kooperativ und systematisch als kontinuierlicher Verbesserungsprozess aufgelegt. Es bezieht immer die Unternehmensstruktur und –kultur inklusive verhältnis- und verhaltenspräventiver Aspekte sowie das Führungsverhalten der Vorgesetzten mit ein. Die Ableitung von Maßnahmen basiert auf Fakten, die auch evaluiert werden. Im Grundsatz folgt ein umfassendes BGM den gesetzlichen Vorgaben des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sowie den Handlungsempfehlungen des § 20 SGB V (Sozialgesetzbuch, Primäre Prävention und Gesundheitsförderung, Anm. der Redaktion).

Welche Tücken gibt es denn?

Wertz: Es gilt, Aufklärungsarbeit in Unternehmen zu leisten, dass BGM nicht gleich BGF (Betriebliche Gesundheitsförderung) ist. Das BGM hat in den vergangenen Jahren immer weiter an Bedeutung gewonnen. Entsprechend hat die verstärkte Nachfrage nach BGM in Folge der Auswirkungen des demografischen Wandels und sinkender Gesundheitsquoten im Unternehmen dazu geführt, dass immer mehr Dienstleister den Markt für sich entdeckt haben. Für Unternehmen ist es zunehmend schwierig, den Überblick zu behalten. Hier empfiehlt sich der Blick auf Grundqualifikationen und Referenzen von Beratern und Trainern. In der Regel bieten nur bei den Krankenkassen nach §20 SGB V oder bei anderen Institutionen zertifizierte Anbieter auf Refinanzierungsmöglichkeiten.

Der Wille, ein BGM einzuführen, wird doch nicht immer bei allen da sein. Gerade wenn es um die psychische Gesundheit und das Klima geht, kommen auch Führungskräfte auf den Prüfstand.

Wertz: Da sie ein entscheidender Taktgeber und Modell für die Gesundheitskultur im Unternehmen sind, beeinflussen sie durchaus die Befindlichkeit. Ich habe allerdings auch schon erlebt, dass Unternehmer mich mit der Einführung eines BGM beauftragt haben, damit aber selber nichts zu tun haben wollten.

Wie geht man damit um?

Wertz: Entspannt, sachlich und professionell. Das ist sicherlich nicht der Idealfall und eine Herausforderung. Der Chef muss aber nicht zwangsläufig operativ eingebunden werden, sofern legitimierte Ansprechpartner oder Multiplikatoren etabliert werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Hinweis:
Bitte beachten Sie unsere Blogregeln. Es besteht grundsätzlich kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihres Kommentars. Je nach Inhalt behalten wir uns vor, von einer Veröffentlichung abzusehen. Mit dem Absenden Ihres Kommentars stimmen Sie der Veröffentlichung auf dieser Website zu. Auf Wunsch des Absenders können Kommentare auch wieder gelöscht werden. Bitte senden Sie in diesem Fall eine E-Mail an den Administrator.